Freitag, 17. April 2015

Machen Sie Demenz-Kranke zu Experten!




Machen Sie Demenz-Kranke zu Experten!
Ja – geht’s noch?

Ja, oft geht es noch, weiß der WORTWERFER. Und es gibt ihnen ein bisschen Würde zurück! Wissen Sie noch, was eine Bahnsteigkarte ist? Eine Kreiselpeitsche? Ein Care-Paket? Eine Kaffeehaube? Sie vielleicht nicht mehr, aber viele Demenzpatienten sind stolz, es Ihnen ausführlich erklären zu können.

Hochbetagte Menschen verblüffen uns oft damit, dass sie lange Gedichte, Lieder mit vielen Strophen singen können. Das Gehirn funktioniert wie ein Speicher, der zeitlebens befüllt und später Stück für Stück leer geräumt wird. In der Wirtschaft nennt man das "first in, last out". Der erste Schultag, der erste Liebesbrief, der erste Kuss, einprägsame Ereignisse aus der Kinderzeit, diese Erinnerungen lassen auf einmal alles, was damit im Gehirn noch vernetzt ist, wieder aufleben. Behutsam kann man versuchen herauszufinden, bis wie weit der Erinnerungs-Horizont in die "jüngeren" Jahre reicht. Vorlesen macht Demenzkranke und ihre Betreuer glücklich.

Die Stationsleiterin eines Pflegeheims für Demenzkranke bat meine Mitautorin Ingrid Schumacher und mich, für ihre Patienten kurze Geschichten zum Vorlesen zu verfassen, die in ihnen Spuren der Erinnerung wecken könnten. Im direkten Kontakt mit den Patientinnen und Patienten konnten wir herausfinden, bei welchen Texten ihre Augen zu leuchten begannen und sie selber Anteil nahmen. Daraus ist unser „Vorlesebuch für Demenzkranke“ mit 45 Geschichten aus diversen Erlebnisbereichen entstanden. Schon bei den ersten fünf bis zehn Zeilen sieht man es ihnen an, wie sie innerlich berührt werden. Um sie zu wecken, muss man allerdings langsam und sehr betont lesen und sie anschauen. Das verstehen wir unter therapeutischem Lesen.

Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass dann, wenn eine Geschichte „gezündet“ hat, der Patient oder die Patientin selber anfängt zu erzählen, vielleicht sogar zu singen. Es gibt Lieblingsgeschichten, an die Patienten sich noch nach Wochen erinnern, ja, sogar an einzelne Personen darin. Mit diesen Geschichten kann man ihnen immer wieder Freude bereiten.

Einen besonderen Dank widmet der WORTWERFER den Therapeutinnen und Therapeuten, die uns bei unserer Arbeit beraten haben. Auch im Namen meiner inzwischen verstorbenen Mitautorin Ingrid Schumacher.

„Das Vorlesebuch für Demenzkranke / 45 Geschichten aus der Welt der Erinnerungen“, Shaker-Media-Verlag, Aachen 2012, 14,90 €. Im Buchhandel oder direkt beim Verlag.


Montag, 6. April 2015

Authenzität – die neue Sau!




Authenzität – die neue Sau!

Die neueste Gallup-Studie mit noch mal schlechteren „Führungszeugnissen“ für deutsche Chefs hat offenbar wie das Stochern in einem Ameisenhaufen gewirkt. Nun tauchen überall neue Führungstipps auf. Mit Sicherheit gibt es bald Masterkurse für Authenzität. Die Trainer-Industrie wird sich nicht lumpen lassen. Man kann wieder eine neue Sau durch Management-Country treiben. Von AUDI berichtet die SZ vom Samstag, man veranstalte dazu Führungs-Seminare. Toll! meint der WORTWERFER.

Ein Vorteil, wenn er denn wahrgenommen würde: Man kann auf mindestens 30 Jahre alte und bewährte Unterlagen zurückgreifen. Außerdem ist der Begriff der Authenzität dank Wikipedia gut definiert. Was Unternehmensberatungen und Trainer nicht daran hindern wird, noch viel tiefgehendere Definitionen zu definieren. Professoren können wieder Diplomarbeiten oder gar Dissertationen vergeben. Man kann alles durch Überperfektionierung bis zur Unkenntlichkeit zerbröseln. Das ersetzt die Anwendung.

Authentisch wirkt ein Mensch, wenn er sich zu seiner Persönlichkeitsstruktur bekennt und nicht ein anderer sein will, als er ist. War bisher Kerninhalt bei jedem Kommunikations-Training vom WORTWERFER.

Zwei authentische Vorfälle aus meiner Praxis: Ein alter Haudegen im Verkauf von Möbeln bei Händlern hatte sein Pensionsalter erreicht und musste nun den Nachfolger Jung einarbeiten. Nach dem Motto: „Vergiss alles, was du in Kursen gelernt hast. Jetzt zeige ich dir mal, wie man Aufträge schreibt.“ Nennen wir ihn Schulz und den nicht wesentlich jüngeren Einkäufer der Möbelkette Krämer. Die Szene: Schulz trifft den Krämer schon auf dem Flur, haut ihm auf die Schulter „Na Krämer, du alte Sau, wie geht es dir? Das hier ist mein Nachfolger, der Herr Jung. Der muss noch viel lernen. Hast du schon wieder neue Playboy-Witze auf Lager? … Krämer und Schulz sprechen über alles, Zoten, Fußball, Weiber – nur nicht über Möbel. Dafür hat Schulz schon eine Bestellliste ausgefertigt, die er dem Krämer rüberschiebt. „Da, unterschreib’ mal. Du kannst dich auf den alten Schulz verlassen und willst mir sicher einen schönen Abgang verschaffen!“ Und so geschieht es.
Als Jung ein paar Wochen später „den Schulz gibt“ und Krämer Schweine-Witze erzählt, eine Bestellliste in der Hand hält, geht natürlich alles den Bach runter.
Der andere Fall: Ein Bekannter nimmt an einem Verkäufertraining teil. Er wirkt in der Folgezeit völlig verändert: Auftreten, Kleidung, Frisur, Sprechweise. Ich kenne ihn nicht wieder. Seine bisherigen Kunden allerdings auch nicht. Statt besser zu werden, scheitert er und wird bald darauf entlassen.

Wer seine Authenzität verleugnet, sich verstellt, nicht mehr „ganz er selbst ist“,  wie es im Biostrukturanalyse-Training heißt, scheitert. Er scheitert auch als Führungskraft, obwohl er über Macht verfügt. Er gilt als „falscher Fuffziger“. „Man weiß bei ihm/ihr nie, wo man dran ist!“ „Hier markiert er den starken Mann; dabei ist er ein Kriecher!“ „Sie glaubt, sie müsse führen wie ein Mann …“.

Wie gesagt: Das ist alles nichts Neues. Vermutlich mehr als 2000 Jahre alt. Aber wer ist man denn – und wenn ja, wie viele? Es gibt einige aussagekräftige Persönlichkeitsstruktur-Analysen, die einem verraten, welche Stärken und Talente die Gene, die frühkindliche Prägung und die Erziehung einem geschenkt und vermittelt haben. Und was einem weniger gut liegt und gelingt. Die Stärken zugunsten der Mitarbeiter und Kunden einzusetzen, muss das Ziel sein. An den Schwächen zu arbeiten und sich deren bewusst zu sein, ist Verpflichtung. Kann man buchen. Der WORTWERFER kennt auch gute Adressen.

Aber der WORTWERFER kennt auch Firmen, insbesondere Consultants, bei denen schon das Vorstellungsgespräch ein Verstellungsgespräch sein sollte, will man Erfolg haben. Authenzität wird gegen Company-Design ausgetauscht. Und auch in manchen Schulen wird Authenzität nicht gerade gut benotet. „Wartet nur, wir kriegen euch schon noch klein!“ war lange Zeit ein pädagogisches Credo. Nicht ohne Grund haben sehr viele sehr erfolgreiche Unternehmer „die Schule geschmissen“!

Samstag, 21. März 2015

Konzentrieren – leicht gemacht!



 Konzentrieren – leicht gemacht!


Der SPIEGEL hat in seiner Nr. 11/2015 auf dem Titelbild mit dem Thema aufgemacht
„K o n t r e n z i e r  d i c h !
auf einer ansonsten gelben Fläche. Also im Zentrum. Auf den ersten Blick war man irritiert; denn das Gehirn der meisten Leser hat den Fehler so schnell korrigiert, dass er ihnen zunächst gar nicht aufgefallen ist. Die Titelgeschichte bietet ein Sammelsurium an wissenschaftlichen Erklärungen und Rezepten, wie man sich besser konzentrieren kann.
Erstaunlich ist, dass eine Methode gar nicht in Erwägung gezogen wurde, obwohl sie mit dem Wort
„K o n z e n t r a t i o n“
sozusagen mitgeliefert wird. Es gibt also ein Z e n t r u m , dem unsere Aufmerksamkeit zu gelten hat. Dieses Zentrum ist der Gegenstand unseres Handelns, unseres Nachdenkens und Lernens, und von dem wir uns bitte nicht ablenken lassen sollen. Dass jedoch Ablenkung eine sehr natürliche Reaktion, sozusagen ein Fluchtweg unserer (bei den meisten Menschen) linken Gehirnhälfte ist, wird im SPIEGEL-Beitrag nur umschrieben. Die linke Gehirnhälfte verbraucht sehr viel Energie – ja, tatsächlich Gehirnstrom. Das merkt jeder, der einen schwierigen Text lesen oder ihn aufnehmen muss, oder der eine schwierige, abstrakte Aufgabe lösen muss, und vielleicht sogar müde ist. Schon nach kurzer Zeit kommt es zu kurzen „Tagträumen“. Wir sind kurz mal nicht bei der Sache. Es herrscht kurz mal Stromsperre. Dann immer häufiger. Nach dem Versuch, ca. 45 Minuten konzentriert einer geistigen Aufgabe nachzugehen (mit x-mal kurz Weggetreten) suchen wir meist auch einen körperlichen Fluchtweg: einen Kaffee zubereiten, die Emails auf dem Smartphone anschauen, mal telefonieren, mal vom Schreibtisch aufzustehen, sich recken, eine manuelle Tätigkeit ausführen, und wenn es Schreibtischaufräumen ist. Es ist Zeit, Pause zu machen, um den Stromspeicher wieder aufzufüllen wie z.B. auch beim Handy. Wir wechseln in die rechte Gehirnhälfte, die ganz wenig Strom verbraucht. Schließlich gucken wir stundenlang Fernsehen, fast ohne zu ermüden. Oder hören Musik. Oder essen was.

Was hat es mit der Vorsilbe „c o n“ auf sich? Con heißt „zusammen“, aus mehreren Richtungen auf eine Tätigkeit, auf Ziel gerichtet sein. Con-zentrieren heißt, sich aus mehreren Richtungen, mit mehreren Mitteln auf das Zentrum zu zu bewegen. Was sagt uns das? Auf einem einzigen linearen Pfad stur „im stillen Kämmerlein“ auf unser Lern- und Arbeitsziel zuzusteuern, ist das Gegenteil von konzentrieren. Je mehr Zugangswege, Hilfsmittel, Ratgeber wir aktivieren, um die zentrale Aufgabe zu lösen, desto stärker – und gehirngerechter! – konzentrieren wir uns. Wir überlisten unser Gehirn, indem wir auch die Ablenkungen auf das Ziel lenken.

Als einer unserer Söhne sich auf eine Schulaufgabe über die Ente vorbereiten musste, versuchte er, das Kapitel aus dem Schulbuch auswendig zu lernen. Er verzweifelte und wollte lieber spielen. Unweit war ein Teich. Wir nahmen ein Fernglas und eine Kamera mit und beobachteten eine halbe Stunde Enten, bunte und braune, kleine und große. Zuhause nahmen wir statt des Schulbuchs den „Großen Brehm“ und ein Kosmos-Buch zur Hand. Jetzt erwachte in unserm Sohn der Forscherdrang. Die Wörter füllten sich mit Bildern und Erlebnissen. Übrigens: Genau das meint BILDung = Bilder sammeln im Gehirn. Kurz und gut: Wir konzentrierten uns ganz auf die Ente und die Enten. Die Schulaufgabe wurde erstklassig bewältigt.

Versuchen Sie also, wenn es Ihnen schwer fällt, sich zu konzentrieren, auf möglichst vielen Wegen die Aufgabe zu meistern. Manche würde sagen: Aber das ist doch Zerstreuung! Ja – aber zielgerichtete! Leider ist es oft nicht so leicht, sich auf diese Weise zu konzentrieren, zum Beispiel bei der Steuererklärung. Aber Pausen machen hilft, weiß der WORTWERFER.

Samstag, 21. Februar 2015

Adrienne war schlecht beraten




 Eine der frühen Kurzgeschichten von mir, veröffentlicht in der "Rheinischen Post" vom 14.7.1955. Da gab's noch Gepäcknetze und man durfte im Zug rauchen. Viel Spaß

 Adrienne war schlecht beraten
Eine merkwürdige Begegnung
erzählt von Werner Siegert

„Meinen Sie?“ schreckte mein Gegenüber auf und starrte mich forschend an. Sie kennen das ja: Erst war ihm der Kopf ein paar Mal vornüber gesunken, wenig später atmete er tief und ruhig, der monotone Schienenschlag verfehlte seine Wirkung nie. Dann kam eine Weiche, und hoppla, schon kam er wieder zu sich. Und in dieser selben Sekunde beugt er sich zu mir herüber und schleudert mir sein „Meinen Sie?“ entgegen.

Bitte, was hätten Sie in dieser Lage getan? Ich bin ein höflicher Mensch. Ohne zu zögern sagte ich „Ja“, obgleich ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich wohl meinte. Taktlos wäre es, einen Traum auf der Schwelle ins Reich der Wirklichkeit mit einem rauen Wort wieder ins Jenseits zu verweisen!

Nachdenklich schüttelte der Eisenbahnträumer seinen Kopf, dann fuhr er plötzlich fort: „Wie hat es aber dazu kommen können?“ Oho, was nun? Jetzt ein Traumbuch haben! Zunächst konnte ich ja noch ausweichen: „Vermögen Sie das Schicksal zu enträtseln?“ Ein Hoch dem Gemeinplatz! Das also ist sein Wert, meditierte ich: Tote Geleise auf dem Wege zur klaren Aussage, Rangierbahnhöfe… Ich hätte es bestimmt noch schöner formulieren können, wenn man mich nicht aus der Bahn geworfen hätte: „Ja, aber dagegen ließ sich doch damals noch etwas unternehmen!“

Wogegen denn, um des Himmels Willen? Ich geriet in Panik, Schlussverkauf der Phantasie, Reste ganz billig. Der Schweiß tränkte meine Augenbrauen, da kam die Rettung: „Eine Tragik menschlichen Unvermögens? Wohl kaum!“ ließ ich aus skeptischem Munde vernehmen. Das gab mal wieder etwas Aufenthalt. Was hatte ich mir da eingebrockt, aus purer Höflichkeit! Für nichts und wieder nichts musste ich meine Gedanken-Mechanerie auf höchste Touren bringen. Wohltätigkeitsmatinee mit feilgebotenen Kurzgeschichten!

Und wieder völlige Verwirrung: „Versagen, Versagen, völliges Versagen! Das ist es ja eben!“ prustete er, und ich wich zurück, als ob seine Anklagen mir gegolten hätten. Der Ball war wieder bei mir, und einmal begonnen, musste ich auch mitspielen „Ich möchte mich nicht in dieser Richtung festlegen“, ließ ich  verlauten. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“
Dieser Schuss war gewagt, und da kam auch schon die Antwort wie ein Schmetterball: „Ja, aber Sie sagten doch eben selbst, dass alle Möglichkeiten offen waren, um aus dieser Situation zu entkommen?“ Donnerwetter, da hatte mir mein traumhaftes Double aber etwas eingebrockt. Ich musste ihm zu Hilfe kommen: „Sehen Sie, wenn ein Fuchs auch viele Löcher hat, er kann doch immer nur aus einem kriechen!“ War ich nun sicher? Ich nutzte die Pause, um meinen unheimlichen Partner im Spiegel der Scheibe zu beobachten. Er mochte etwa in meinem Alter sein. Und sah doch eigentlich ganz normal aus. Sollte er tatsächlich…, aber dann müsste man ihn doch heilen können? Meine Gedanken verloren sich wieder auf dem Bazar, auf dem man Storys verkaufte. Wieder eine Schwarte … zum ersten, zum zweiten und zum … Gerade wollte ich sie nehmen, da kam mir jemand zuvor: „Was hätten Sie denn an ihrer Stelle unternommen?“

Ach so, ja, ich? Moment, es handelte sich also um eine Frau oder Genetiv Pluralis? Ich entschied für Frau: „Nichts schwieriger, als sich in die Gedanken eines Weibes zu versetzen!“ Das stimmte. Dafür konnte ich bürgen. Jetzt machte mir das Spiel langsam Spaß. Es würde einen erstklassigen Stoff für das morgige Feuilleton bieten. Dass ich nicht früher darauf gekommen war! Jetzt ging ich dem Geheimnis sozusagen beruflich auf die Spur. Bevor er auch nur sein Geschütz auf mich richten konnte, zwang ich ihn schon wieder in volle Deckung: „Und in dieser begreiflichen Aufregung…“ Ich ließ den Satz unvollendet, wartete eine Weile und fuhr fort: „Außerdem lässt sich als Außenstehender schwer etwas dazu sagen…, höchstens, - nein, das kommt auch nicht in Betracht!“
Trotz seiner temperamentvollen Antworten konnte ich nichts Näheres erkunden. Verlegen lenkte ich meine Blicke mal ins Gepäcknetz, wo ein paar zurückgelassene Apfelsinenschalen im Rhythmus schaukelten, mal hinaus, wo die Landschaft wie ein endloser Kulturfilm vorbeizog. Die Regie war schlecht, die Beleuchtung brachte das Dreidimensionale unvollkommen, die Komparserie benahm sich kindisch. Zwischen meinem Partner und mir war eine Art Waffenstillstand ausgebrochen. Er hatte sich ein wenig die Beine vertreten. Jetzt ließ er sich in die Polster sinken, und mit einer Selbstverständlichkeit nahm er den Faden wieder auf: „Wissen Sie, das Fräulein Silvia hätte ja auch ein wenig helfend einspringen können!“ – „Nun, sie hat es wohl versucht, hat sich aber durch die anfänglichen Schwierigkeiten schrecken lassen Nachher war es freilich zu spät!“ gab ich kühn zurück.
Ich bemühte mich, auch für René und jenen Mr. Dilthey ein Plädoyer zu halten, während ich bald heraus hatte, dass McSean ein ausgesprochenes Ekel sein musste. Endlich hatte die Geschichte an Plastik gewonnen. Vom Speisewagen zurückkehrend bot ich ihm eine Zigarette an und erklärte dazu: „Ich hätte mich ja niemals auf diesen McSean verlassen; dann sähe die Sache heute anders aus!“
Der Film draußen lief offenbar rückwärts: Jetzt kam die Reklame. Spare bei der Kreditkasse Hamburg. Wasche mit Lunika. Endlich setzte auch die eintönige Begleitmusik aus. Anfang. Ich musste raus.
„Adrienne war wirklich schlecht beraten mit ihm, aber nun ist nichts mehr zu ändern, oder glauben Sie, dass noch Hoffnung ist?“ fragte er mich, als er mir in den Mantel half.
Während ich die Tasche aus dem Gepäcknetz nahm, musste auch ich ihm beipflichten, dass in einer solchen Lage wohl wenig zu machen sei. Auf dem Bahnhof nickte er mir aus dem Fenster zu, dann verlor ich ihn und seine seltsame Familie aus den Augen.

Gerade schreibe ich das in die Maschine, da packt mich ein starkes Niesen. Mit einem Sprung bin ich an der Garderobe, reiße das Tüchlein aus der Manteltasche, da fällt mir ein kleines Kuvert vor die Füße – eine Visitenkarte: „Harry McSean, Schriftsteller“ – und auf der Rückseite: „Denken Sie nicht, ich sei irre. Haben Sie vielmehr Dank für Ihre ausgezeichneten Antworten. Jetzt komme ich endlich in meinem Roman weiter.“

Mittwoch, 4. Februar 2015

Unsichtbare Wesen



Unsichtbare Wesen

Guten Tag, gestatten dass ich mich Ihnen noch einmal vorstelle: Mein Name ist Robin Gettup. Ich bin Alltagsphänomenforscher, in Google vertreten und ständig auf der Suche nach Aufklärung, oder zumindest nach Mitmenschen, die unter ähnlichen Erscheinungen leiden. Der WORTWERFER hat mich für die nächsten Wochen engagiert und ich engagiere SIE! Denn vielleicht wissen Sie mehr. Dann erreichen Sie mich in Facebook unter Werner Hubertus Siegert. Heute frage ich SIE:

„Glauben Sie auch an unsichtbare Wesen?“
Mit dem Büroklammerfresser werden wir uns demnächst extra beschäftigen. Die vielfältige Zustimmung, die ich seinerzeit bekam, hat meine letzten Zweifel beseitigt: Es gibt ihn tatsächlich! Was mich jedoch umtreibt, ist, dass sich noch mehr unsichtbare Wesen in meinem Office umtreiben. Bei Ihnen auch?
Also das geht so: Eben lag noch ein Schriftstück auf meinem Schreibtisch. Ich sehe noch den Briefkopf deutlich vor mir – und auf einmal ist es weg! Einfach weg!
Jetzt beginnt natürlich die Sucherei. Das kann ja gar nicht sein: eben noch da, jetzt weg! Andere Schriftstücke, die ich zur Zeit gar nicht gebrauchen kann, liegen da und glotzen mich an. Ich wälze den Stoß Papiere um. Der Brief kann ja nicht weg sein! Er war doch eben noch da! Ich schaue unter den Schreibtisch, krieche auf dem Boden rum, finde Büroklammern, eine Visitenkarte, ein kleines Blöckchen Post-it, einen Kugelschreiber. Aber den Brief natürlich nicht. Es gibt, da muss ich mich jetzt peinlicherweise outen, noch mehr Papierstapel in meinem Office. Es gibt Körbe für Zeitungsausschnitte, für die Buchmesse, für den Weißwurst-Knigge, für Unerledigtes, für Buchungs- und Steuerkram. Kurzum: Bei uns herrscht Ordnung! Ein Griff – und die Sucherei beginnt.
Kann der Brief in die Schublade gerutscht sein? Nein, aber die muss dringend und sofort aufgeräumt werden. Was da alles drin liegt, habe ich ganz bestimmt nicht alles reingelegt.
Ich habe inzwischen auch den Papierkorb umgekippt und Schnipsel für Schnipsel und nicht Erwähnbares erneut entsorgt.
Ich vermute, in irgendeiner Ecke sitzt jetzt grinsend so ein unsichtbarer Kobold mit dem unsichtbaren Brief in der Hand und lacht sich kaputt.
Natürlich weiß ich, welchen Tipp Sie und meine Frau mir jetzt geben: „Überleg doch mal, was du davor gemacht hast! War da eine Klarsichthülle dabei, wo der Brief hineingerutscht sein könnte? Hast du ihn mitgegriffen, als du was in die Wiedervorlage gesteckt hast?“
Mitgegriffen? Heiß und kalt wird mir. Ich werde den Brief doch nicht versehentlich in einen der Briefumschläge mit hineingestopft haben, die jetzt schon frankiert im Postkorb liegen? Also alle Kuverts noch mal öffnen, durchsehen. Die Briefmarken ablösen. Neue Umschläge beschriften. Die nassen Briefmarken mit Klebe wieder drauf. Nix.
Eine schlaflose Nacht folgt. Schließlich überzeugen mich die Klar-Träume, die es ja geben soll, davon, dass genau von diesem Schriftstück mein Überleben abhängt. Ich rufe frühmorgens die Sekretärin meines Klienten an, gestehe ihr mit hochrotem Kopf, den sie gottlob nicht sieht, meine mutmaßliche Schlamperei. „Kann ja mal vorkommen; ist doch nicht so schlimm!“ gießt sie mir Seelenbalsam über mein Haupt und schickt per Fax eine Kopie.

Und welchen Schluss ziehen Sie aus der Tatsache, dass im selben Augenblick, in dem das Fax aus dem Gerät quillt, der originale Brief breit und fett auf meinem Schreibtisch liegt? Ich würde mich gern mit Ihnen über diese Begegnungen der 3. Art austauschen.
PS: Der Brief war doch nicht so wichtig. Weiß jetzt Robin Gettup

Freitag, 30. Januar 2015

Im Knick!




Im Knick!
Guten Tag, gestatten dass ich mich Ihnen vorstelle: Mein Name ist Robin Gettup. Ich bin Alltagsphänomenforscher, in Google vertreten und ständig auf der Suche nach Aufklärung, oder zumindest nach Mitmenschen, die unter ähnlichen Erscheinungen leiden. Der WORTWERFER hat mich für die nächsten Wochen engagiert und ich engagiere SIE! Denn vielleicht wissen Sie mehr. Dann erreichen Sie mich in Facebook unter Werner Hubertus Siegert. Heute frage ich SIE:

„Warum liegen eigentlich die meisten in Landkarten und Stadtplänen gesuchten Orte, Plätze und Straßen auf dem Knick?“
Das kann ja nicht nur mir so gehen, dass ich bei Schmuddelwetter in einer Gegend ohne Parkbuchten und mit ungeduldig hupenden Dränglern hinter mir im Stadtplan nach einer Straße suche, die es angeblich geben soll. Sie liegt jedoch tief verborgen im Knick, wahlweise dort, wo die Karte aufhört und erst 23 Seiten später weitergeht, aber ganz woanders, und es ist ein halber Zentimeter der Stadt verschwunden und mit ihm gerade meine Straße. Im Navi rät mir eine rauchige Stimme, ich solle wenden. Im abendlichen Stoßverkehr!
Das kann auch sehnlichst gesuchte Ortschaften betreffen. Sie liegen verborgen im Knick. Will man den Shell- oder ADAC-Atlas nicht brutal auseinanderbrechen, so dass einem die Einzelteile aufs Bremspedal rutschen, befinden sie sich in einer der größten denkbaren Region: dem Knick. Wollen die das? Gibt es da flehende Briefe an die Landkartenmaler oder Google-Überflieger, verratet um des Himmels Willen nicht, wo wir sind. Wir wollen unsere Ruhe haben. Die haben wir nur im Knick.

Vielleicht geht es aber auch ganz anders. Dass mächtige Fremdenverkehrs- und Tourismus-Direktoren mit grässlichen Sanktionen drohen für den Fall, dass ihre nach Umsatz lechzenden Wellnässen im Knick landen. So dass die anderen, die weder Vollbäder in Dunkelbier noch Gratisreisen mit Eisweinproben anbieten, in den Knick wandern? Straßen, in denen mehrheitlich Wähler einer ungeliebten Partei wohnen, werden abgestraft und in den Knick verbannt. Das haben sie nun davon.

Beantwortet nicht meine Frage: Warum nun ausgerechnet ich, immer ich, also stets ich solche Orte und Straßen aufsuchen muss, die im Knick liegen! Natürlich habe ich auch Karten ohne Knick. Um die auszubreiten, müsste mein Auto die Breite eines Gefahrguttransporters aufweisen. Ich habe mir jetzt so einen elektronischen Beifahrer mit der geheimnisvollen Stimme einer wahrscheinlich damenbärtigen Wegweiserin angeschafft. Nun droht mir neues Ungemach: Erstens wohnt sie irgendwo im Orbit an einem rätselhaften Ort namens GepeEs. Entweder liegt der im Knick, so dass er mein Auto gar nicht sieht. Oder ich bin im Knick. Dann auf einmal ist sie da, aber das Straßenbild auf dem Mäusekino dreht sich dauernd. Da wird mir schwindelig. Oder der Damenbart sagt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ Allerdings stehe ich mitten in einem Maisfeld. Sie hat auch schon mit mir geschimpft: „Das eingegebene Fahrziel ist nicht korrekt.“ Klar, weil es auf dem Knick liegt. Oder in einem gerade neu erschlossenen Neubauviertel mit ungepflasterten, pfützengefurchten Straßen ohne Schilder und mit lauter gummigestiefelten Musterhaus-Besuchern, die „tut mir sehr leid, auch nicht von hier“ sind. Zu meiner größten Überraschung traf ich dann doch einen Kranführer, der gerade Feierabend hatte und berufsmäßig den Überblick hatte: „Da vorne müssen Sie links abbiegen, die Straße heißt „Auf dem Knick“, die fahren sie ganz durch, aber weiter weiß ich auch nicht. Andere Baustelle. Irgendwie rechts oder links. Müssen Sie nochmal fragen, halt.“ Danke. Dachte ich mir schon.
Neulich hupte mich jemand an, als ich zu Fuß unterwegs war. Er fragte mich nach einer Straße. Ich war nicht von dort und bat um Verständnis. „Vermutlich liegt sie auf dem Knick!“ Er starrte mich ungläubig an und meinte: „Da kennen Sie sich aber erstaunlich gut aus hier!“
Bis demnächst mal! Ihr Robin Gettup!

Montag, 12. Januar 2015

Selbstmotivation erfordert Selbstdisziplin




Selbstmotivation erfordert Selbstdisziplin

 Wer den stärksten Motivator „Erfolgserlebnisse“ für sich erschließen will, der muss sich Ziele setzen, schrieb der WORTWERFER, alias Ziele-Siegert, im letzten Blog. Aber was für welche, auf welchen Gebieten? Und wie viele? Welcher Art?
 Ziele auf welchen Gebieten? „Wer alles erreichen will, wird als Meister des Nichts enden!“ mahnt ein weiser Spruch aus dem Orient. Also muss man sich beschränken, zumal ja die Routinearbeiten, die alltägliche Arbeitslast weiterhin bewältigt werden müssen. Die Ziele packen wir noch oben drauf? Wissen Sie, welche Bereiche, beruflich und privat, für Sie zur Zeit die wichtigsten sind? Die für Ihr Leben und Ihren Erfolg entscheidend sind? Das sind Ihre Schlüsselbereiche. Es ist der schwierigste Schritt im Rahmen einer wirklich funktionierenden Selbstmotivation, diese Schlüsselbereiche (SB) zu definieren und – unerlässlich! – aufzuschreiben. Es kommt noch schlimmer: Wählen Sie daraus die sechs schwerwiegendsten beruflichen SB und drei private SB. Die mit höchster Priorität! Ehe Sie diesen Schritt nicht bewältigt haben, kommen Sie hier nicht weiter. Beispiele finden Sie u.a. in meinem Buch „Ohne Ziele keine Treffer“ (bei Kastner, Wolnzach, 14,80 €) auf Seite 160. Schreiben Sie jeden SB auf ein separates Blatt, in Ihr Smartphone oder in das Notebook. Das ist jetzt für alle Zeit Ihr Bordbuch.

Sie haben neun SB notiert? Sollten Sie zunächst weniger SB definiert haben, ist es okay; nur mehr sollten es nicht sein. Nunmehr setzen Sie sich jede Woche für jeden SB ein Teilziel. Teilziele sind die Schritte auf dem Weg zum Endziel. Die Teilziele sollten messbar und erreichbar sein. Wer sich zu hohe Ziele setzt, wird gleich am Ende der ersten Woche frustriert. Lieber regelmäßig „Zielchen“ erreichen als scheitern.

Welcher Art sollen die Ziele sein? Es gibt nur zwei sinnvolle Ziel-Arten: Entweder zielen Sie auf den jeweils engsten Engpass oder Sie packen am wirkungsvollsten Punkt an, um eine besondere Chance zu nutzen. Alles andere ist Pillepalle.
Damit Sie Ihre Ziele und auf dem Wege dorthin Ihre Teilziele („Zielchen“) erreichen, gibt es logische Arbeitsschritte (die ihrerseits wieder Zielchen sein können): Planen, Organisieren (= Vorbereiten), Durchführen, Auswerten. Nennt man übrigens: Managen.
Jeweils am Wochenende schauen Sie sich Ihre SB-Liste an: Was haben Sie erreicht? Tusch! – kleines Erfolgserlebnis! Was haben Sie nicht oder nur zum Teil erreicht? Daraus lernen Sie! Jetzt nicht aufgeben! Bedenken Sie: Sie haben aus den Schlüsselbereichen Ihres Lebens die neun wichtigsten ausgewählt. Wenn Sie sich diesen SB nicht konsequent widmen, geht irgendwann was schief – oder sie waren nicht wichtig. Jetzt durchstarten! Jede Woche! Das ist mit Selbstdisziplin gemeint. Jede Woche neun Erfolgserlebnisse! Große, kleine! Das gibt Schwung und Power. Ihre SB kommen regelmäßig auf den Prüfstand: Genießen sie noch die höchste Priorität? Müssen sie ausgetauscht werden? Ist der Engpass beseitigt?

Life-Balance beachten!
Warum sechs berufliche und drei private SB? Wegen der Life-Balance! Ihre Familie, Partnerschaft, Fitness, Gesundheit, Ihre Hobbys bilden die Basis für Lebens- und Leistungsfreude.
Nehmen Sie sich eine Woche Zeit für die Gestaltung dieses Erfolgssystems, das hier so kurz beschrieben ist. Es bedarf reiflicher Überlegungen. Übrigens: Wenn es mal in einer Woche drunter und drüber geht, nichts läuft so, wie geplant, ist das nicht schlimm. Aufhören ist schlimm. Nächste Woche weitermachen. Und nun los!

Es gibt Unternehmen, die die SB-Methode für alle ihre Führungskräfte vorgeschrieben haben und zur Durchsetzung existentieller Ziele die ersten beiden SB einheitlich für eine gewisse Zeit definiert haben. Z.B. „Kosten sparen“ oder „Kundenorientierung“. Die Kostenspar-Kampagne erbrachte in einem mittelständischen Unternehmen über eine halbe Million Euro in einem halben Jahr. Das war das Ergebnis von rund 50 Verantwortlichen mal 25 von ihnen rapportierten Wochenzielen.
Neben dem WORTWERFER liegt sein SB-Plan. Die Wochenziele sind auf Post-it-Zetteln skizziert. Welch’ eine Freude, sie nach Erreichen vernichten zu können!