Mittwoch, 29. Juli 2015

Am deutschen Wesen?




Am deutschen Wesen?

Da bin ich wieder, der WORTWERFER, nach langer Zeit. Ich werde ja auch der „Ziele-Siegert“ genannt, weil ich mich in meiner Unternehmenspraxis, bei meinen Beratungen, Trainings und Coaching schwerpunktmäßig auf das Definieren und Erreichen lohnender Ziele konzentriert hatte – und habe.

Erfolgserlebnisse sind der höchste Motivator (nach Herzberg). Erfolgserlebnisse sind erreichte Ziele. Ohne Ziele – keine Treffer – keine Erfolgserlebnisse. Diese Grundregel habe ich auch in meinen diversen Fachbüchern vertieft (www.ziele-siegert.de).

Was sind das für Ziele? Für mich als Dipl.Kfm. und Dr. rer. pol. mit einem protestantisch-preußischen Vater war das eigentlich nie eine Frage. Ziele, das ist unternehmerischer, wirtschaftlicher, beruflicher Erfolg, messbar letztlich in Geld. Oder in allem, was man sich für Geld leisten kann.

Griechenland brachte das Gerüst ins Wanken. Immer häufiger diskutieren wir in privaten Kreisen, im PresseClub, im Biergarten auf „europäischer Ebene“: Haben eigentlich alle Europäer wenigstens ungefähr die gleichen Ziele? Gibt es landestypische Lebensziele? Für uns Deutsche war klar: Haus, Auto, Segelboot, Pferde, Oper, Festspiele, weite Reisen. Um das zu erreichen, arbeiten wir fleißig und effizient. Symbol: das Laufrad!

Für die Franzosen sieht das schon anders aus: Der Genuss, das Essen, der Wein, angeblich die Liebe stehen im Fadenkreuz. In einem kleinen, vertrauten, wenig bekannten Restaurant gut, ausgiebig, in Ruhe essen und trinken.

Für den Italiener, wenn es ihn gibt, und die Italienerin ist die Piazza die Bühne des Lebens. Dort spielt sich das Leben ab. Dort möchte man sich in Grandezza präsentieren, elegant und stilvoll gekleidet. Vor dem Publikum, das dort den Espresso oder Cappuccino nimmt.

Und nun der Grieche! Mit der deutschen Efficiency (man mag mir dieses Neudeutsch verzeihen) haben sie nichts am Strohhut. Wozu? Braucht’s das zum Glücklichsein? Oder doch mehr Muße, um im Schatten vor der Taverne über den Sinn des Lebens nachzudenken und den Schiffen, den teuren weißen Yachten nachzuschauen, die reinkommen und hinausfahren. Die bringen das Geld.

Alles sehr holzschnitthaft. Hier werden Klischees nachgezeichnet. Zugegeben. Deshalb falsch? Glauben wir tatsächlich, den Franzosen, den Italienern und Griechen das deutsche Laufrad exportieren zu können? Wir haben die Spanier, Portugiesen und andere noch gar nicht in unsere Kreise aufgenommen. Natürlich reden wir uns damit raus: Von nichts kommt nichts. Einer muss das Geld verdienen, muss für Qualität, für Ordnung und Infrastrukturen sorgen. Aber gleich so total?

Warum reisen Deutsche so gern nach Italien? Nach Griechenland? Nach Spanien? Nach Frankreich? Nur der Sonne wegen? Am deutschen Wesen wollen wir selbst nicht so recht genesen.

Aber das hat durchaus ernste Folgen: Daraus erwächst kein europäisches Bewusstsein, nicht der Stolz, ein Europäer zu sein. Diese Zeiten sind vorbei. Vergangene Jahrhunderte waren viel europäischer. Die Musik war grenzenlos. Europäische Parkanlagen entstanden in Wörlitz, in Muskau, in Sanssouci,  in Paris, in England. Baustile – europäisch! Literatur kennt keine Grenzen! Und dann preschen die Deutschen davon. Schneller, effizienter, rationeller, zeitsparender, Output, Output, Output! Alles im DIN-Format.

„Atala arbeitet bei Citroën.“ Mit diesem schlichten Satz eröffnete Jean Fourastië einen Vortrag über die Unbeliebtheit des Unternehmers. Atala ist eine Halbindianerin, die zentrale Figur in einem Roman von Chateaubriand. In seiner These nimmt Fourastië Atala als Gastarbeiterin mit nach Europa. Wird Atala dort glücklich? Absolut nicht; denn sie muss den größten Teil ihres Lebensgefühls, der Farben und Melodien, der Vogelstimmen und Düfte ihrer Heimat an der Garderobe abgeben, wenn sie bei Citroën (als Prototyp des Industriebetriebs) arbeiten will. Sie muss rechteckig, diszipliniert funktionieren. Weshalb soll sie den Unternehmer lieben? Wegen des Lohns, den sie erhält – als Schmerzensgeld?

So wie Atala geht es vielen Europäern, wenn sie am deutschen Wesen genesen sollen. Sie sehen vielleicht ein, dass sie im globalen Konkurrenzkampf bestehen müssten. Aber Freude kommt dabei nicht auf. Und es lebt sich besser mit einem Sündenbock namens Schäuble – noch dazu ein Schwabe mit dem typischen Lebensziel „Spare, spare, Häusle baue!“

Samstag, 20. Juni 2015

Hilfe! Zuviele Bücher verfasst!




Hilfe! Zuviele Bücher verfasst!

Zur Zeit sind 40 Bücher von mir im Handel als Print- oder Electronic-Books erhältlich. 13 Sachbücher, 7 Fachbücher, 11 Krimis, 8 Romane, 1 Kinderbuch. Das ist eine Katastrophe!
Wieso, fragt der WORTWERFER überrascht?
Weil man sich um so viele Titel gar nicht kümmern kann. Denn die Verlage machen nichts. Keine Promotion, kein Marketing. Sie pushen nur Selbstläufer von Promis, von Sex- und Kochbüchern. Und – zugegeben - von Spitzenautoren. Dazu zähle ich mich nicht.
Also müsste man für jedes eigene Buch selber Marketing betreiben. Das geht bei 40 Büchern nicht.
Man muss besondere Chancen nutzen, auch wenn der Zug eigentlich schon abgefahren ist. Kürzlich war im wunderschönen Voralpendorf Krün Barack Obama nebst unserer Bundeskanzlerin zu Gast. Man servierte ihnen Weißwürste und versuchte dem Präsidenten beizubringen, wie man eine Weißwurst isst. Schade, dass ich nicht früher davon erfahren habe; denn dann hätte ich auf eigene Kosten ein paar Exemplare meines kabarettistischen Ratgebers hingeschickt: „Der kleine, aber absolut unentbehrliche Weißwurstknigge“ (bei Literareon, München), den es auf Deutsch, Englisch und Japanisch gibt. Was tun? Jetzt schicke ich Exemplare nach Washington, Berlin und Krün. Lohnt sich das? N e i n ! Denn ich verdiene an jedem verkauften Stück gerade mal 10 Cent vor Steuern. Kleinvieh? Image?

„Das Vorlesebuch für Demenzkranke“ (Shaker-Media, Aachen, print u. eBook) bringt zur Zeit relativ die höchsten Einnahmen – gesetzt den Fall, ich verschicke viele, viele Briefe und teure Flyer an Adressen, die sich um Demenz-Patienten kümmern, oder Kongresse zum Thema. Ohne diese Briefe tendiert der Umsatz gegen Null.

Mein bester Roman „Das herbstrote Blatt“ (Shaker-Media, Aachen, print u. eBook) ist bestens rezensiert und begeistert die leider ganz wenigen Leserinnen und Leser. Das war’s dann auch.

Unser Sachbuch „Supermacht Frau / Sind die Männer noch zu retten?“ (Amalthea/Signum, Wien-München) ist hochaktuell – aber leider so gut wie unbekannt. Darin stecken 11 Jahre Recherche, Lektorat und stilistische Feinarbeit. Ich verschicke Flyer und Briefe an einschlägige Medien. Lohnt sich das? Nein! Wenn man nicht Professor oder Promi ist, landen die Exemplare vermutlich im Papierkorb. Das Gleiche gilt für das alarmierende Buch „Supermacht Kids / Lassen wir uns unsere Kultur kaputt machen?“ (Amalthea-Signum, Wien – München). Darin geht es u.a. um das Ende unserer Sprache und Werte.

„Heikle Führungssituationen – und wie man sie meistert“, „Ohne Ziele – keine Treffer!“, „Wie führe ich meinen Vorgesetzten?“ – ein paar Fachbuch-Titel. Ich kann so gut wie nichts dafür tun. Das ist, als ob man sich um seine Kinder nicht mehr kümmern kann.

„RISS oder ROSE? Wie sich Beziehungen nach dem Arbeitsleben ändern“ (jetzt bei Kastner, Wolnzach bezw. Amazon als eBook) befasst sich mit einem brennenden Problem. Ehen zerbrechen, Suicide häufen sich, Drogen, Alkohol, Gammeln – oder man findet zur einer neuen Liebeskultur. Der Reinerlös fließt in eine Stiftung zur Förderung der Krebsforschung.

Es befinden sich noch mindestens 5 Titel „in der Pipeline“, 2. Sachbuch-Auflagen, fertige Roman-Manuskripte, Kurzgeschichten-Sammlungen („Liebestöter“), die zu überarbeiten sind. Angefangene Drehbücher für Verfilmungen? Macht es noch Sinn? fragt der WORTWERFER? Was tun?

Freitag, 17. April 2015

Machen Sie Demenz-Kranke zu Experten!




Machen Sie Demenz-Kranke zu Experten!
Ja – geht’s noch?

Ja, oft geht es noch, weiß der WORTWERFER. Und es gibt ihnen ein bisschen Würde zurück! Wissen Sie noch, was eine Bahnsteigkarte ist? Eine Kreiselpeitsche? Ein Care-Paket? Eine Kaffeehaube? Sie vielleicht nicht mehr, aber viele Demenzpatienten sind stolz, es Ihnen ausführlich erklären zu können.

Hochbetagte Menschen verblüffen uns oft damit, dass sie lange Gedichte, Lieder mit vielen Strophen singen können. Das Gehirn funktioniert wie ein Speicher, der zeitlebens befüllt und später Stück für Stück leer geräumt wird. In der Wirtschaft nennt man das "first in, last out". Der erste Schultag, der erste Liebesbrief, der erste Kuss, einprägsame Ereignisse aus der Kinderzeit, diese Erinnerungen lassen auf einmal alles, was damit im Gehirn noch vernetzt ist, wieder aufleben. Behutsam kann man versuchen herauszufinden, bis wie weit der Erinnerungs-Horizont in die "jüngeren" Jahre reicht. Vorlesen macht Demenzkranke und ihre Betreuer glücklich.

Die Stationsleiterin eines Pflegeheims für Demenzkranke bat meine Mitautorin Ingrid Schumacher und mich, für ihre Patienten kurze Geschichten zum Vorlesen zu verfassen, die in ihnen Spuren der Erinnerung wecken könnten. Im direkten Kontakt mit den Patientinnen und Patienten konnten wir herausfinden, bei welchen Texten ihre Augen zu leuchten begannen und sie selber Anteil nahmen. Daraus ist unser „Vorlesebuch für Demenzkranke“ mit 45 Geschichten aus diversen Erlebnisbereichen entstanden. Schon bei den ersten fünf bis zehn Zeilen sieht man es ihnen an, wie sie innerlich berührt werden. Um sie zu wecken, muss man allerdings langsam und sehr betont lesen und sie anschauen. Das verstehen wir unter therapeutischem Lesen.

Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass dann, wenn eine Geschichte „gezündet“ hat, der Patient oder die Patientin selber anfängt zu erzählen, vielleicht sogar zu singen. Es gibt Lieblingsgeschichten, an die Patienten sich noch nach Wochen erinnern, ja, sogar an einzelne Personen darin. Mit diesen Geschichten kann man ihnen immer wieder Freude bereiten.

Einen besonderen Dank widmet der WORTWERFER den Therapeutinnen und Therapeuten, die uns bei unserer Arbeit beraten haben. Auch im Namen meiner inzwischen verstorbenen Mitautorin Ingrid Schumacher.

„Das Vorlesebuch für Demenzkranke / 45 Geschichten aus der Welt der Erinnerungen“, Shaker-Media-Verlag, Aachen 2012, 14,90 €. Im Buchhandel oder direkt beim Verlag.


Montag, 6. April 2015

Authenzität – die neue Sau!




Authenzität – die neue Sau!

Die neueste Gallup-Studie mit noch mal schlechteren „Führungszeugnissen“ für deutsche Chefs hat offenbar wie das Stochern in einem Ameisenhaufen gewirkt. Nun tauchen überall neue Führungstipps auf. Mit Sicherheit gibt es bald Masterkurse für Authenzität. Die Trainer-Industrie wird sich nicht lumpen lassen. Man kann wieder eine neue Sau durch Management-Country treiben. Von AUDI berichtet die SZ vom Samstag, man veranstalte dazu Führungs-Seminare. Toll! meint der WORTWERFER.

Ein Vorteil, wenn er denn wahrgenommen würde: Man kann auf mindestens 30 Jahre alte und bewährte Unterlagen zurückgreifen. Außerdem ist der Begriff der Authenzität dank Wikipedia gut definiert. Was Unternehmensberatungen und Trainer nicht daran hindern wird, noch viel tiefgehendere Definitionen zu definieren. Professoren können wieder Diplomarbeiten oder gar Dissertationen vergeben. Man kann alles durch Überperfektionierung bis zur Unkenntlichkeit zerbröseln. Das ersetzt die Anwendung.

Authentisch wirkt ein Mensch, wenn er sich zu seiner Persönlichkeitsstruktur bekennt und nicht ein anderer sein will, als er ist. War bisher Kerninhalt bei jedem Kommunikations-Training vom WORTWERFER.

Zwei authentische Vorfälle aus meiner Praxis: Ein alter Haudegen im Verkauf von Möbeln bei Händlern hatte sein Pensionsalter erreicht und musste nun den Nachfolger Jung einarbeiten. Nach dem Motto: „Vergiss alles, was du in Kursen gelernt hast. Jetzt zeige ich dir mal, wie man Aufträge schreibt.“ Nennen wir ihn Schulz und den nicht wesentlich jüngeren Einkäufer der Möbelkette Krämer. Die Szene: Schulz trifft den Krämer schon auf dem Flur, haut ihm auf die Schulter „Na Krämer, du alte Sau, wie geht es dir? Das hier ist mein Nachfolger, der Herr Jung. Der muss noch viel lernen. Hast du schon wieder neue Playboy-Witze auf Lager? … Krämer und Schulz sprechen über alles, Zoten, Fußball, Weiber – nur nicht über Möbel. Dafür hat Schulz schon eine Bestellliste ausgefertigt, die er dem Krämer rüberschiebt. „Da, unterschreib’ mal. Du kannst dich auf den alten Schulz verlassen und willst mir sicher einen schönen Abgang verschaffen!“ Und so geschieht es.
Als Jung ein paar Wochen später „den Schulz gibt“ und Krämer Schweine-Witze erzählt, eine Bestellliste in der Hand hält, geht natürlich alles den Bach runter.
Der andere Fall: Ein Bekannter nimmt an einem Verkäufertraining teil. Er wirkt in der Folgezeit völlig verändert: Auftreten, Kleidung, Frisur, Sprechweise. Ich kenne ihn nicht wieder. Seine bisherigen Kunden allerdings auch nicht. Statt besser zu werden, scheitert er und wird bald darauf entlassen.

Wer seine Authenzität verleugnet, sich verstellt, nicht mehr „ganz er selbst ist“,  wie es im Biostrukturanalyse-Training heißt, scheitert. Er scheitert auch als Führungskraft, obwohl er über Macht verfügt. Er gilt als „falscher Fuffziger“. „Man weiß bei ihm/ihr nie, wo man dran ist!“ „Hier markiert er den starken Mann; dabei ist er ein Kriecher!“ „Sie glaubt, sie müsse führen wie ein Mann …“.

Wie gesagt: Das ist alles nichts Neues. Vermutlich mehr als 2000 Jahre alt. Aber wer ist man denn – und wenn ja, wie viele? Es gibt einige aussagekräftige Persönlichkeitsstruktur-Analysen, die einem verraten, welche Stärken und Talente die Gene, die frühkindliche Prägung und die Erziehung einem geschenkt und vermittelt haben. Und was einem weniger gut liegt und gelingt. Die Stärken zugunsten der Mitarbeiter und Kunden einzusetzen, muss das Ziel sein. An den Schwächen zu arbeiten und sich deren bewusst zu sein, ist Verpflichtung. Kann man buchen. Der WORTWERFER kennt auch gute Adressen.

Aber der WORTWERFER kennt auch Firmen, insbesondere Consultants, bei denen schon das Vorstellungsgespräch ein Verstellungsgespräch sein sollte, will man Erfolg haben. Authenzität wird gegen Company-Design ausgetauscht. Und auch in manchen Schulen wird Authenzität nicht gerade gut benotet. „Wartet nur, wir kriegen euch schon noch klein!“ war lange Zeit ein pädagogisches Credo. Nicht ohne Grund haben sehr viele sehr erfolgreiche Unternehmer „die Schule geschmissen“!

Samstag, 21. März 2015

Konzentrieren – leicht gemacht!



 Konzentrieren – leicht gemacht!


Der SPIEGEL hat in seiner Nr. 11/2015 auf dem Titelbild mit dem Thema aufgemacht
„K o n t r e n z i e r  d i c h !
auf einer ansonsten gelben Fläche. Also im Zentrum. Auf den ersten Blick war man irritiert; denn das Gehirn der meisten Leser hat den Fehler so schnell korrigiert, dass er ihnen zunächst gar nicht aufgefallen ist. Die Titelgeschichte bietet ein Sammelsurium an wissenschaftlichen Erklärungen und Rezepten, wie man sich besser konzentrieren kann.
Erstaunlich ist, dass eine Methode gar nicht in Erwägung gezogen wurde, obwohl sie mit dem Wort
„K o n z e n t r a t i o n“
sozusagen mitgeliefert wird. Es gibt also ein Z e n t r u m , dem unsere Aufmerksamkeit zu gelten hat. Dieses Zentrum ist der Gegenstand unseres Handelns, unseres Nachdenkens und Lernens, und von dem wir uns bitte nicht ablenken lassen sollen. Dass jedoch Ablenkung eine sehr natürliche Reaktion, sozusagen ein Fluchtweg unserer (bei den meisten Menschen) linken Gehirnhälfte ist, wird im SPIEGEL-Beitrag nur umschrieben. Die linke Gehirnhälfte verbraucht sehr viel Energie – ja, tatsächlich Gehirnstrom. Das merkt jeder, der einen schwierigen Text lesen oder ihn aufnehmen muss, oder der eine schwierige, abstrakte Aufgabe lösen muss, und vielleicht sogar müde ist. Schon nach kurzer Zeit kommt es zu kurzen „Tagträumen“. Wir sind kurz mal nicht bei der Sache. Es herrscht kurz mal Stromsperre. Dann immer häufiger. Nach dem Versuch, ca. 45 Minuten konzentriert einer geistigen Aufgabe nachzugehen (mit x-mal kurz Weggetreten) suchen wir meist auch einen körperlichen Fluchtweg: einen Kaffee zubereiten, die Emails auf dem Smartphone anschauen, mal telefonieren, mal vom Schreibtisch aufzustehen, sich recken, eine manuelle Tätigkeit ausführen, und wenn es Schreibtischaufräumen ist. Es ist Zeit, Pause zu machen, um den Stromspeicher wieder aufzufüllen wie z.B. auch beim Handy. Wir wechseln in die rechte Gehirnhälfte, die ganz wenig Strom verbraucht. Schließlich gucken wir stundenlang Fernsehen, fast ohne zu ermüden. Oder hören Musik. Oder essen was.

Was hat es mit der Vorsilbe „c o n“ auf sich? Con heißt „zusammen“, aus mehreren Richtungen auf eine Tätigkeit, auf Ziel gerichtet sein. Con-zentrieren heißt, sich aus mehreren Richtungen, mit mehreren Mitteln auf das Zentrum zu zu bewegen. Was sagt uns das? Auf einem einzigen linearen Pfad stur „im stillen Kämmerlein“ auf unser Lern- und Arbeitsziel zuzusteuern, ist das Gegenteil von konzentrieren. Je mehr Zugangswege, Hilfsmittel, Ratgeber wir aktivieren, um die zentrale Aufgabe zu lösen, desto stärker – und gehirngerechter! – konzentrieren wir uns. Wir überlisten unser Gehirn, indem wir auch die Ablenkungen auf das Ziel lenken.

Als einer unserer Söhne sich auf eine Schulaufgabe über die Ente vorbereiten musste, versuchte er, das Kapitel aus dem Schulbuch auswendig zu lernen. Er verzweifelte und wollte lieber spielen. Unweit war ein Teich. Wir nahmen ein Fernglas und eine Kamera mit und beobachteten eine halbe Stunde Enten, bunte und braune, kleine und große. Zuhause nahmen wir statt des Schulbuchs den „Großen Brehm“ und ein Kosmos-Buch zur Hand. Jetzt erwachte in unserm Sohn der Forscherdrang. Die Wörter füllten sich mit Bildern und Erlebnissen. Übrigens: Genau das meint BILDung = Bilder sammeln im Gehirn. Kurz und gut: Wir konzentrierten uns ganz auf die Ente und die Enten. Die Schulaufgabe wurde erstklassig bewältigt.

Versuchen Sie also, wenn es Ihnen schwer fällt, sich zu konzentrieren, auf möglichst vielen Wegen die Aufgabe zu meistern. Manche würde sagen: Aber das ist doch Zerstreuung! Ja – aber zielgerichtete! Leider ist es oft nicht so leicht, sich auf diese Weise zu konzentrieren, zum Beispiel bei der Steuererklärung. Aber Pausen machen hilft, weiß der WORTWERFER.

Samstag, 21. Februar 2015

Adrienne war schlecht beraten




 Eine der frühen Kurzgeschichten von mir, veröffentlicht in der "Rheinischen Post" vom 14.7.1955. Da gab's noch Gepäcknetze und man durfte im Zug rauchen. Viel Spaß

 Adrienne war schlecht beraten
Eine merkwürdige Begegnung
erzählt von Werner Siegert

„Meinen Sie?“ schreckte mein Gegenüber auf und starrte mich forschend an. Sie kennen das ja: Erst war ihm der Kopf ein paar Mal vornüber gesunken, wenig später atmete er tief und ruhig, der monotone Schienenschlag verfehlte seine Wirkung nie. Dann kam eine Weiche, und hoppla, schon kam er wieder zu sich. Und in dieser selben Sekunde beugt er sich zu mir herüber und schleudert mir sein „Meinen Sie?“ entgegen.

Bitte, was hätten Sie in dieser Lage getan? Ich bin ein höflicher Mensch. Ohne zu zögern sagte ich „Ja“, obgleich ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich wohl meinte. Taktlos wäre es, einen Traum auf der Schwelle ins Reich der Wirklichkeit mit einem rauen Wort wieder ins Jenseits zu verweisen!

Nachdenklich schüttelte der Eisenbahnträumer seinen Kopf, dann fuhr er plötzlich fort: „Wie hat es aber dazu kommen können?“ Oho, was nun? Jetzt ein Traumbuch haben! Zunächst konnte ich ja noch ausweichen: „Vermögen Sie das Schicksal zu enträtseln?“ Ein Hoch dem Gemeinplatz! Das also ist sein Wert, meditierte ich: Tote Geleise auf dem Wege zur klaren Aussage, Rangierbahnhöfe… Ich hätte es bestimmt noch schöner formulieren können, wenn man mich nicht aus der Bahn geworfen hätte: „Ja, aber dagegen ließ sich doch damals noch etwas unternehmen!“

Wogegen denn, um des Himmels Willen? Ich geriet in Panik, Schlussverkauf der Phantasie, Reste ganz billig. Der Schweiß tränkte meine Augenbrauen, da kam die Rettung: „Eine Tragik menschlichen Unvermögens? Wohl kaum!“ ließ ich aus skeptischem Munde vernehmen. Das gab mal wieder etwas Aufenthalt. Was hatte ich mir da eingebrockt, aus purer Höflichkeit! Für nichts und wieder nichts musste ich meine Gedanken-Mechanerie auf höchste Touren bringen. Wohltätigkeitsmatinee mit feilgebotenen Kurzgeschichten!

Und wieder völlige Verwirrung: „Versagen, Versagen, völliges Versagen! Das ist es ja eben!“ prustete er, und ich wich zurück, als ob seine Anklagen mir gegolten hätten. Der Ball war wieder bei mir, und einmal begonnen, musste ich auch mitspielen „Ich möchte mich nicht in dieser Richtung festlegen“, ließ ich  verlauten. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“
Dieser Schuss war gewagt, und da kam auch schon die Antwort wie ein Schmetterball: „Ja, aber Sie sagten doch eben selbst, dass alle Möglichkeiten offen waren, um aus dieser Situation zu entkommen?“ Donnerwetter, da hatte mir mein traumhaftes Double aber etwas eingebrockt. Ich musste ihm zu Hilfe kommen: „Sehen Sie, wenn ein Fuchs auch viele Löcher hat, er kann doch immer nur aus einem kriechen!“ War ich nun sicher? Ich nutzte die Pause, um meinen unheimlichen Partner im Spiegel der Scheibe zu beobachten. Er mochte etwa in meinem Alter sein. Und sah doch eigentlich ganz normal aus. Sollte er tatsächlich…, aber dann müsste man ihn doch heilen können? Meine Gedanken verloren sich wieder auf dem Bazar, auf dem man Storys verkaufte. Wieder eine Schwarte … zum ersten, zum zweiten und zum … Gerade wollte ich sie nehmen, da kam mir jemand zuvor: „Was hätten Sie denn an ihrer Stelle unternommen?“

Ach so, ja, ich? Moment, es handelte sich also um eine Frau oder Genetiv Pluralis? Ich entschied für Frau: „Nichts schwieriger, als sich in die Gedanken eines Weibes zu versetzen!“ Das stimmte. Dafür konnte ich bürgen. Jetzt machte mir das Spiel langsam Spaß. Es würde einen erstklassigen Stoff für das morgige Feuilleton bieten. Dass ich nicht früher darauf gekommen war! Jetzt ging ich dem Geheimnis sozusagen beruflich auf die Spur. Bevor er auch nur sein Geschütz auf mich richten konnte, zwang ich ihn schon wieder in volle Deckung: „Und in dieser begreiflichen Aufregung…“ Ich ließ den Satz unvollendet, wartete eine Weile und fuhr fort: „Außerdem lässt sich als Außenstehender schwer etwas dazu sagen…, höchstens, - nein, das kommt auch nicht in Betracht!“
Trotz seiner temperamentvollen Antworten konnte ich nichts Näheres erkunden. Verlegen lenkte ich meine Blicke mal ins Gepäcknetz, wo ein paar zurückgelassene Apfelsinenschalen im Rhythmus schaukelten, mal hinaus, wo die Landschaft wie ein endloser Kulturfilm vorbeizog. Die Regie war schlecht, die Beleuchtung brachte das Dreidimensionale unvollkommen, die Komparserie benahm sich kindisch. Zwischen meinem Partner und mir war eine Art Waffenstillstand ausgebrochen. Er hatte sich ein wenig die Beine vertreten. Jetzt ließ er sich in die Polster sinken, und mit einer Selbstverständlichkeit nahm er den Faden wieder auf: „Wissen Sie, das Fräulein Silvia hätte ja auch ein wenig helfend einspringen können!“ – „Nun, sie hat es wohl versucht, hat sich aber durch die anfänglichen Schwierigkeiten schrecken lassen Nachher war es freilich zu spät!“ gab ich kühn zurück.
Ich bemühte mich, auch für René und jenen Mr. Dilthey ein Plädoyer zu halten, während ich bald heraus hatte, dass McSean ein ausgesprochenes Ekel sein musste. Endlich hatte die Geschichte an Plastik gewonnen. Vom Speisewagen zurückkehrend bot ich ihm eine Zigarette an und erklärte dazu: „Ich hätte mich ja niemals auf diesen McSean verlassen; dann sähe die Sache heute anders aus!“
Der Film draußen lief offenbar rückwärts: Jetzt kam die Reklame. Spare bei der Kreditkasse Hamburg. Wasche mit Lunika. Endlich setzte auch die eintönige Begleitmusik aus. Anfang. Ich musste raus.
„Adrienne war wirklich schlecht beraten mit ihm, aber nun ist nichts mehr zu ändern, oder glauben Sie, dass noch Hoffnung ist?“ fragte er mich, als er mir in den Mantel half.
Während ich die Tasche aus dem Gepäcknetz nahm, musste auch ich ihm beipflichten, dass in einer solchen Lage wohl wenig zu machen sei. Auf dem Bahnhof nickte er mir aus dem Fenster zu, dann verlor ich ihn und seine seltsame Familie aus den Augen.

Gerade schreibe ich das in die Maschine, da packt mich ein starkes Niesen. Mit einem Sprung bin ich an der Garderobe, reiße das Tüchlein aus der Manteltasche, da fällt mir ein kleines Kuvert vor die Füße – eine Visitenkarte: „Harry McSean, Schriftsteller“ – und auf der Rückseite: „Denken Sie nicht, ich sei irre. Haben Sie vielmehr Dank für Ihre ausgezeichneten Antworten. Jetzt komme ich endlich in meinem Roman weiter.“

Mittwoch, 4. Februar 2015

Unsichtbare Wesen



Unsichtbare Wesen

Guten Tag, gestatten dass ich mich Ihnen noch einmal vorstelle: Mein Name ist Robin Gettup. Ich bin Alltagsphänomenforscher, in Google vertreten und ständig auf der Suche nach Aufklärung, oder zumindest nach Mitmenschen, die unter ähnlichen Erscheinungen leiden. Der WORTWERFER hat mich für die nächsten Wochen engagiert und ich engagiere SIE! Denn vielleicht wissen Sie mehr. Dann erreichen Sie mich in Facebook unter Werner Hubertus Siegert. Heute frage ich SIE:

„Glauben Sie auch an unsichtbare Wesen?“
Mit dem Büroklammerfresser werden wir uns demnächst extra beschäftigen. Die vielfältige Zustimmung, die ich seinerzeit bekam, hat meine letzten Zweifel beseitigt: Es gibt ihn tatsächlich! Was mich jedoch umtreibt, ist, dass sich noch mehr unsichtbare Wesen in meinem Office umtreiben. Bei Ihnen auch?
Also das geht so: Eben lag noch ein Schriftstück auf meinem Schreibtisch. Ich sehe noch den Briefkopf deutlich vor mir – und auf einmal ist es weg! Einfach weg!
Jetzt beginnt natürlich die Sucherei. Das kann ja gar nicht sein: eben noch da, jetzt weg! Andere Schriftstücke, die ich zur Zeit gar nicht gebrauchen kann, liegen da und glotzen mich an. Ich wälze den Stoß Papiere um. Der Brief kann ja nicht weg sein! Er war doch eben noch da! Ich schaue unter den Schreibtisch, krieche auf dem Boden rum, finde Büroklammern, eine Visitenkarte, ein kleines Blöckchen Post-it, einen Kugelschreiber. Aber den Brief natürlich nicht. Es gibt, da muss ich mich jetzt peinlicherweise outen, noch mehr Papierstapel in meinem Office. Es gibt Körbe für Zeitungsausschnitte, für die Buchmesse, für den Weißwurst-Knigge, für Unerledigtes, für Buchungs- und Steuerkram. Kurzum: Bei uns herrscht Ordnung! Ein Griff – und die Sucherei beginnt.
Kann der Brief in die Schublade gerutscht sein? Nein, aber die muss dringend und sofort aufgeräumt werden. Was da alles drin liegt, habe ich ganz bestimmt nicht alles reingelegt.
Ich habe inzwischen auch den Papierkorb umgekippt und Schnipsel für Schnipsel und nicht Erwähnbares erneut entsorgt.
Ich vermute, in irgendeiner Ecke sitzt jetzt grinsend so ein unsichtbarer Kobold mit dem unsichtbaren Brief in der Hand und lacht sich kaputt.
Natürlich weiß ich, welchen Tipp Sie und meine Frau mir jetzt geben: „Überleg doch mal, was du davor gemacht hast! War da eine Klarsichthülle dabei, wo der Brief hineingerutscht sein könnte? Hast du ihn mitgegriffen, als du was in die Wiedervorlage gesteckt hast?“
Mitgegriffen? Heiß und kalt wird mir. Ich werde den Brief doch nicht versehentlich in einen der Briefumschläge mit hineingestopft haben, die jetzt schon frankiert im Postkorb liegen? Also alle Kuverts noch mal öffnen, durchsehen. Die Briefmarken ablösen. Neue Umschläge beschriften. Die nassen Briefmarken mit Klebe wieder drauf. Nix.
Eine schlaflose Nacht folgt. Schließlich überzeugen mich die Klar-Träume, die es ja geben soll, davon, dass genau von diesem Schriftstück mein Überleben abhängt. Ich rufe frühmorgens die Sekretärin meines Klienten an, gestehe ihr mit hochrotem Kopf, den sie gottlob nicht sieht, meine mutmaßliche Schlamperei. „Kann ja mal vorkommen; ist doch nicht so schlimm!“ gießt sie mir Seelenbalsam über mein Haupt und schickt per Fax eine Kopie.

Und welchen Schluss ziehen Sie aus der Tatsache, dass im selben Augenblick, in dem das Fax aus dem Gerät quillt, der originale Brief breit und fett auf meinem Schreibtisch liegt? Ich würde mich gern mit Ihnen über diese Begegnungen der 3. Art austauschen.
PS: Der Brief war doch nicht so wichtig. Weiß jetzt Robin Gettup