Mittwoch, 4. September 2013

Ist das die Zukunft?





Der WORTWERFER war zur falschen Zeit im Urlaub. Denn in diesen Tagen ist etwas Schreckliches passiert: Die Wohnung meiner so plötzlich verstorbenen Mit-Autorin Ingrid Schumacher musste auf einmal schnellstens geräumt werden. Ingrid hatte beim Umzug ins Wohnstift die wertvollsten Bücher aus ihrer umfangreichen Bibliothek mitgenommen. Welt-Autoren von Rang und Namen, Klassiker, Romantiker, Moderne in kostbaren Editionen musste sie um sich haben – und hatte sie ja auch verinnerlicht. Ja, wenn man täglich seine Augen an den Buchrücken vorbei gleiten lässt, diesen und jenen Band kurz in die Hand nimmt, aufblättern lässt und sich fest liest, dann lebt man mit der Literatur. Sie ist Lebenselixier. Und wie stirbt man heute damit?

Bücher in den Müll?
Die Leute, die die Wohnung ausgeräumt haben, hatten offenbar keinen blassen Schimmer. Die Bücher kamen vermutlich in den Sperrmüll. Selbst die von ihr selbst verfassten Bücher, die ich erbeten hatte, sind verschwunden. Irgendjemand verkauft schon seit einiger Zeit ihre Bücher in Amazon, der keinerlei Verbreitung- oder Nutzungsrechte hat und nie einen Pfennig oder Cent an Ingrid Schumacher gezahlt hat. Ist das die Zukunft?
Als wir aus dem Urlaub zurück kamen, machte die WOCHENEND-Beilage der Süddeutschen Zeitung mit einer Seite über den neuen Minimalismus auf: Heute hat man fast gar nichts mehr. Nur noch soviel, dass man von einem Tag zum anderen von einem Platz zum anderen, von einem Land zum anderen, von einem Job zum anderen umziehen kann. Übertrieben formuliert: eine Zahnbüste, ein Handy und einen Laptop. Vielleicht im Rucksack noch einen Kindle, in dem man 1000 Bücher speichern kann. Allenfalls zerreißt man Bücher, um sie zu scannen. Die Zukunft?
Ich stelle mir Ingrids Bücherregal vor: Die Weltliteratur von A bis Z, kostbare Eichendorff-Ausgaben, Heine, Goethe, Carossa, Benn, hundert Jahre alte Bände mit Goldprägung, Erstausgaben, ach, jede Aufzählung scheitert und schmerzt. Ist es die Zukunft, dass man alle diese Werke im Kindle hat? Tolstoi? Shakespeare? Beaumarchais? Huxley? Auf Knopfdruck? Und sonst nichts?
Wäre ich nicht im Urlaub gewesen, ich stünde jetzt vor zehn Bücherkartons, in einem Haus mit geschätzten 3000 Büchern. Natürlich gelangt man zu schwindelerregenden Beträgen, würde man die Fläche der Bücherschränke und Regale umrechnen auf eine kalkulatorische Miete mal vermutliche Lebenszeit.
Ich erinnere mich an eine Diskussion mit einem russischen Altersforscher, der die These vertrat, der Mensch altere viel stärker als physisch dadurch, dass ihm seine Umgebung, die Kultur, die Lebensart und Sitten zunehmend fremd werden und er so nicht mehr leben möchte. Als ich erfuhr, dass Ingrids Bücher weg sind und niemand weiß, was aus ihnen geworden ist, da war sie noch einmal gestorben – und ich ein bisschen mit.

Donnerstag, 15. August 2013

Bestseller – für die „flinke Hand“?




Es geschehen noch Wunder! Der letzte Blog vom WORTWERFER hatte zumindest 1 Leser, der sich auf die Thematik eingelassen und direkt reagiert hat. Es geht um die Frage, ob dann, wenn die Mixture von Sex, Ekel, Grusel und so weiter angerichtet ist – und dies möglichst von einer Frau, weil es dann authentischer rüber kommt, ob es nicht auch einer guten Story bedarf.
Der WORTWERFER hat bei den wenigen Porno-Büchern, die ihm unter kamen, feststellen müssen, dass es ihnen genau daran mangelte. Kurzum: der rote Faden war meist dünn und vor allem kurz. Denn möglichst schnell trieben es die Protagonisten wieder im Bett oder sonst wo. Es ist ja nicht leicht, in einem Blog die gebräuchlichen Vokabeln zu gebrauchen; es könnte sein, dass er der Zensur zum Opfer fällt. Ein Roman, in dem es um wirkliche Liebe geht, um das zarte Erwachen, um die Verwirrung, um Zweifel, um angstvolle Nähe und Erfüllung geht, erfüllt den Zweck der „Bücher für die flinke Hand“ offenbar nicht.
Will man also „Five Shades of Grey“ nacheifern, den „Feuchtgebieten“ oder anderen Vaginal-Geständnissen, um endlich einen Bestseller unter die Leute zu bringen, der sogar verfilmt wird, dann muss man offenbar nicht sehr tief in menschliche Schicksale eintauchen.

Die anderen Leser, die hohe Ansprüche an ihre Lektüre stellen, die zum Beispiel meinen Schicksalsroman „Das herbstrote Blatt“ gelesen haben, äußerten schon mal die Kritik: „Musste das denn sein mit dieser Sex-Szene?“ Meine Antwort: „Ja, die Geschichte wäre unglaubwürdig, wäre es nicht zu diesem intimen Erleben gekommen. Und nur auf Schmetterlinge und Bienchen zu verweisen oder die Engel ein Konzert anstimmen zu lassen, hätte es nichtgebracht. Außerdem ist Tandaradei nicht mein Ding.“ Ich könnte jetzt die entsprechenden Seitenzahlen angeben, aber genau das schnelle Hinblättern würde alles zerstören. Katharina musste einen weiten, angsterfüllten Lebensweg zurücklegen, jahrzehntelange Lieblosigkeit und Unterdrückung. Ich kannte ja ihr Schicksal. Nach ihrem Tod habe ich den Roman begonnen.

Der WORTWERFER zieht sich jetzt erst einmal in die Berge zurück.

Montag, 12. August 2013

Bestseller – schreiben für den Leser?





In Facebook streiten Autoren letztlich darum, wie man einen Bestseller verfasst. Man solle schreiben, was der Leser will, sagen die einen. Und was braucht der Leser offensichtlich? Sex! Grusel! Ekel! Gewalt! Als Vorbild gilt „Five Shades of Grey“, der langweilige Schmuddelschmöker, der es an die Spitze der Bestseller gebracht hat. SOG heißt das Werk abgekürzt in den hitzigen Diskussionen. Man scheint sich einig darüber zu sein, dass der Inhalt zu wünschen übrig lässt. Doch die Schwarte wurde millionenfach gekauft. Natürlich nur, weil man ja sonst nicht mitreden könnte …
5SOG gehört zu den Büchern für die flinke Hand. Ebenso wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“, die nunmehr als „ekligster Film“ (Zitat) in die Kinos kommen. Die stark anwachsende Single-Gesellschaft braucht wohl verstärkt Begleitlektüre auf den einsamen Wegen zum Höhepunkt. Allerdings haben es Porno-Bücher über die Jahrhunderte schon zu hohen Auflagen gebracht. Also – sind doch die Zutaten seit langem bekannt.
Muss man nur noch schreiben lernen. Dazu verhelfen „Wortfeldübungen“. Okay, das ist allemal nützlich, will man nicht ständig ein Wörterbuch der Synonyme wälzen. Ich kann mir Schreibkurse als äußerst amüsant vorstellen, in denen die Wortfelder für die einschlägigen Bezeichnungen sexueller Betätigungen und Körperteile gemeinsam erarbeitet werden. Ein Tipp: Im Anhang zur „Josefine Mutzenbacher“ gibt es ein Glossarium, nicht nur für die Wiener Fachausdrücke.

Nun aber zur Frage: Soll man schreiben, was der Leser will? Wenn man mit dem Schreiben Geld verdienen will, dürfte das ein gangbarer Weg sein, allerdings keinesfalls einer mit Erfolgsgarantie, zumal dort ziemliches Gedränge herrscht. Und Erotik ist kein leichtes, vielleicht das schwierigste Fach! Wortfeldübungen und alle 10 Seiten ein Orgasmus reichen sicher nicht aus.
Schreiben, was der Leser will? War das die Maxime unserer Dichter und Schriftsteller? Im „Vorspiel auf dem Theater“ zu Goethes „Faust“ klagt der Dichter:
„O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht!
….
Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blüht …
….
Oft wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.“
Es lohnt sich allemal, diesen Disput zwischen Theater-Direktor, Dichter und Lustiger Person laut zu lesen. Es ist ein Glanzpunkt deutscher Dichtung.
„Ach du liebes Lottchen, Goethe! Faust! Der WORTWERFER spinnt wohl! Sowas von gestern, kann man ja gar nicht mehr sein!“ Vielleicht. Vielleicht ist es der Unterschied zwischen Literatur und Trivial-Lektüre, der sich hier herausschält.
Als der WORTWERFER vor Jahren zum ersten Mal belletristische Werke verfasste, hatte er es nie darauf abgesehen, sie zu veröffentlichen. Es waren Geschichten, die im Inneren brodelten. Sie mussten raus. Es war faszinierend, sie zu schreiben, zu überarbeiten, sie wochenlang liegen zu lassen, sie erneut zu durchleben. Jetzt gibt es die Möglichkeit, sie als eBooks zu veröffentlichen, ohne erniedrigende Standardabsagen kassieren zu müssen. Geld damit verdienen?
„Ich hatte nichts und doch genug:
Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug!
Gib ungebändigt jene Triebe,
Das tiefe, schmerzenvolle Glück,
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
Gib meine Jugend mir zurück!“
Danke Goethe! Ich kann es nicht besser sagen. So entstand „Das herbstrote Blatt“ (bei Shaker). Weiß der WORTWERFER.

Dienstag, 6. August 2013

Spannendes spannend schreiben





„Geist kommt immer vor Materie!“ war des WORTWERFERs Maxime, seit er einigermaßen vernünftig denken kann. Wie ist das beim Schreiben? In Gesprächen mit Roman- und Krimi-Autoren treffe ich auf die Typen „Planer“ und „Missionare“.
Der Planer scheint erst alles festzulegen, zu skizzieren. Er oder sie weiß, in welchem Kapitel was mit wem wo passiert. Der Fall-in-Love, der Grusel, die Irrungen und Verwirrungen, die Katastrophe und die Katharsis sind eingeplant. Er oder sie kennt auch den Schluss schon, den Knaller oder das Happy End. Der Rest ist Fleiß, Talent und Ausdauer.
Die Missionare wollen die Welt verbessern und eine Botschaft verkünden. Auf der einen Seite sind die Guten – oft adlig; auf der anderen die Bösen – erkennbar oft schon an ihren Namen. Häufig sind es Grundstücks-Makler, Investoren luxuriöser Sanatorien, Unternehmensberater, Vertreter der Gier, Zerstörer der Idylle, die Energie-Lobby, Massentierhalter. Sodann gibt es noch uns Ahnungslose, die also, die aufgerüttelt, umgepolt und gerettet werden sollen. Besonders gruselig wird es, wenn Kinder geraubt und zwecks Verkauf ihrer Organe an superreiche Kranke getötet werden. Erst in allerallerletzter Sekunde naht die Rettung.

Das Ungewisse wagen?
Als ich zum ersten Mal mit Ingrid Schumacher bei einem Drink die Kater-Idee äußerte, wir könnten doch mal gemeinsam einen Krimi verfassen, eine Art Staffetten-Geschichte, Sie mit ihrem Kommissar Maurice Elsterhorst, ich mit meinem Lothar Velmond, da stand nur der frei erfundene Fall fest: „Spurlos verschwinden in München und Umgebung vier wohlhabende alte Damen.“ Wir hatten keine Ahnung vom WER, WIE, WANN, WO, WARUM und OB überhaupt. Geknobelt wurde, wer das erste Kapitel verfasst. Es fiel mir zu. Ab dann begann unsere Schreibe-Reise ins Ungewisse, wobei wir uns wechselseitig auch immer wieder kleine Schikanen bescherten.
Es war unheimlich spannend, besonders dann, wenn wir nicht weiter wussten und mit Geduld auf die Eingebung warteten, möge sie vom Himmel fallen und uns die Na klar!-Idee liefern. So entstand nicht nur unser erster Krimi mit dem „Spurlos-Titel“ (s.o.). Wir fanden unsere Vorgehensweise auch so prickelnd, dass wir sie bei den fünf weiteren großen und den 45 kurzen Krimis beibehalten haben. Die Redaktionssitzungen verliefen durchweg vergnügt und gelegentlich sehr makaber. Die Buch-Krimis werden leider erst jetzt peu-à-peu als eBooks veröffentlicht. Ingrid Schumacher hat nur noch „Endlich im Knast!“ (bei neobooks) erleben dürfen und den größten Teil der veröffentlichten Kurzkrimis.
Natürlich mussten wir bei unseren gesellschaftskritischen Sachbüchern zu großer Nüchternheit zurückkehren. „SUPERMACHT FRAU“ und „SUPERMACHT KIDS“ bedeuteten Arbeit, Recherchen, Analyen - die Krimis hingegen reines Vergnügen. Nun ist beides vorbei. Vermutlich wird das Kommissariat bald aufgelöst. Elsterhorst geht mit seinem schwarzen Labrador auf dem Südfriedhof spazieren, in der Hoffnung, dass ihm nicht wieder ein Leichenteil apportiert wird. Velmond zieht nach Südtirol, wo seine Lieblingsweine gekeltert werden. Aber es war schon mal in einer Flasche statt des Weines eine gruselige Botschaft verkorkt. Der WORTWERFER ist auf alles gefasst.

Sonntag, 4. August 2013

Große Ferien – schrecklich!




Alle fahren in den wohlverdienten Urlaub! Die Kinder jauchzen: Endlich große Ferien!
A l l e ? Selten zeigt sich so klar der Unterschied zwischen Festangestellten und Beamten auf der einen Seite und Selbstständigen und Freiberuflern auf der anderen. Bei den einen füllt sich das Konto ganz selbstverständlich auch beim Nichtstun, die anderen fürchten sich vor dem Sommerloch.
Sechs Wochen lang sind viele nicht erreichbar. Sechs Wochen lang geht bei vielen Firmen kaum etwas voran. Betriebsurlaub! Die Sachbearbeiter, die man dringend kontaktieren müsste, liegen irgendwo am Strand, klettern in den Bergen oder machen Abenteuer-Urlaub. Wehe dem, der ein Werk termingerecht abzugeben hat und auf Zulieferer angewiesen ist. 
Der einzige Friseur oder die Friseurin, der man sich bedenkenlos und entspannt anvertrauen kann, ist entfleucht. Man steht Ängste aus, wenn man sich anderen Haarkünstlerinnen anvertrauen muss. Kann man sich anschließend noch auf die Straße trauen? Muss man ein neues Passbild anfertigen lassen?
Autoren und Autorinnen, die dem Erscheinen ihres Werkes voller Ungeduld entgegen sehen, müssen jedenfalls in Bayern bis Ende September warten; denn nach Ferien-Ende muss erst einmal der Stau auf den Schreibtischen bewältigt werden. Und alle aufgelaufenen E-Mails werden gelöscht.

Lesungen? Nur wenigen ist es vergönnt, ihren Lesern in die Toscana, an die Côte d’Azur oder Costa Brava zu folgen, in der Hoffnung, dass dort abends die Langeweile ausbricht und einige froh sind, irgendjemandem in der Landessprache zuzuhören.
„Sei doch froh, du kannst ungestört durch Telefonate arbeiten. Niemand stört dich. Die bekommst sogar vor deiner Stammkneipe einen Parkplatz!“ höre ich Artgenossen tönen. Auf Facebook bekommt man Ferienfotos gepostet, die Sehnsucht nach den guten, alten Ansichtskarten wachsen lassen.
Warum war man auch so blöd, Freiberufler zu werden? Frei ist man dabei schon gar nicht. Vor allem hat man niemals frei. Niemals! „Der Schatten, der Schatten!“ Gemeint ist der Schatten, den 14 Tage Nichtstun eines Freiberuflers wirft, sollte er sich auch unter fremder Sonne auf einen Liegestuhl flätzen. Kein Marketing! Keine Kontakte! Keine Verkäufe – kein Einkommen!
Große Freude: Es erscheint in einem nennenswerten Blatt endlich die lang ersehnte Buchbesprechung! Das Buch muss einer Ferien-Aushilfe in die Hände gefallen sein, die einem anderen Aussortierverfahren huldigt. Aber wer liest die Rezension schon? Die „wohlverdienten Urlauber“ haben ihr Abo suspendiert. In der nachgeschickten Auslandsausgabe ist sie gar nicht enthalten.
In den Verlagen gleitet die Urlaubszeit nahtlos in die Vor-Buchmesse-Zeit über. Auch da ist niemand ansprechbar und danach tobt das Weihnachtsgeschäft.
Auch der WORTWERFER wirft wahrscheinlich seine Worte ins Leere, weshalb er jetzt aufhört zu granteln.

Montag, 29. Juli 2013

Schiffbrüchig



Der nachfolgende Text ist entnommen dem 6. Kapitel unseres Buches "Supermacht Frau / Sind die Männer noch zu retten", in dem meine Mit-Autorin Ingrid Schumacher und ich versuchen, an die Stelle eines Geschlechterkampfes wieder Wege in eine Geschlechterkultur aufzuzeigen.

"Es dauerte Wochen, bis ich - nach meiner Genesung - beginnen konnte, mich mit ihnen zu verständigen. Zeichnungen, mit einem Stöckchen in den Staub der Hütte gemalt, erwiesen sich dabei als hilfreich. Wir lachten, wenn es mir gelungen war, Wörter richtig auszusprechen, Wörter für "Frau", für "Mann", für "Boot", für Früchte, die sie mir zum essen brachten, für Fleisch, das sie mir brieten, und die Kokosmilch, an der ich meinen Durst stillen konnte.

Was mir auffiel war, dass stets, wenn ich in meinen Kritzelbildern einen Mann oder eine Frau zeichnete, Atala schnell - als gälte es, ein Unheil abzuwenden oder einem Gott zu huldigen - eine Acht daneben malte. Diese Acht, sie spielt auf dieser Insel - oder war es ein unbekannter Kontinent? - eine bedeutsame Rolle. Die Woche hat zum Beispiel nicht sieben, sondern acht Tage. An jeder Hütte und an vielen Bäumen war die Acht eingeritzt, oft auch in liegender Form, so wie unser Zeichen für das Unendliche. Prachtvoll wurden diese Schlingen mit Farben, mit Blüten oder goldenen Nägeln dekoriert.

So lange ich noch in der Hütte lag, fragte ich die Frauen oft nach den Männern. Ich hörte ja draußen deren Stimmen. Jungen und Mädchen kreischten unweit der Hütte beim Spiel. Statt einer Antwort wiegte Atala den Kopf, nahm meine Hände, legte sie auf ihren Leib, auf ihre Brüste und das Ypsilon ihres Schoßes. Oder sie küsste mich mit dem warmen Hauch ihres Atems. "Mann-Frau" schien sie dabei zu sagen, oder auch einmal "Frau-Mann", wenn sie mich berührte, meine Männlichkeit umschloss oder Öl darüber goss und es dann mit großer Sorgfalt und Andacht von dort aus über den ganzen Körper verteilte.

Des Rätsels Lösung erfuhr ich erst viel später, als es mir gelang, mit ihren Stammeseltern Freundschaft zu schließen. Auch das ist typisch, dass sie keinen Häuptling oder eine Königin wählen. Stets liegt die Führung ihres Staates in den Händen eines Mannes und einer Frau. Sie regieren als Paar und gelten als Hort der Liebe und Weisheit. Und das war es, was sie mir als höchste Botschaft ihres Glaubens offenbarten:

Als Gott diese Erde schuf, da waren Mann und Frau ein Einziges - symbolisiert durch einen Kreis, die Ganzheit, nach dem Sinn des Schöpfers.
Am siebten Tage war das Werk vollbracht. An jenem Tage ruhte Gott, ganz wie wir's lernen in der Christenheit. Und eben jene Ruhe nutzte Satan, um mit einem scharfen Blitzstrahl jede Harmonie zu spalten. So trennte er als erstes die Ganzheit Mann+Frau. Die Schwefelgase, die mit dem "spaltenden Feuer" - so ihr Wort für Blitz - vom Himmel herabfuhren, überzogen die Erde mit ätzender Feindschaft, so zwischen Tieren, die bis zum siebten Schöpfungstag friedlich miteinander grasten. Feuer entzündete sich und brachte Unheil über die ganze Kreatur. Berge explodierten, der Himmel stürzte ein. Von diesem ohrenbetäubenden Krachen - das sich nach ihrem Glauben in jedem Gewitter wiederholt - wachte endlich der Herrgott auf. Erschrocken über die Verwüstungen fügte er an einem achten Schöpfungstag, so gut es ging, die gespaltenen Teile wieder zusammen. Mit dem Lasso der Acht gelang es ihm, die zwei nun von einander getrennten Kreise des Weiblichen und Männlichen wenigstens wieder miteinander zu verknüpfen. Die Menschen aber erhielten den Auftrag, die Schöpfung zu heilen und zu vollenden, indem sie die vom Satan zersprengten Teile wieder in Harmonie zusammenfügen. So gilt der Liebesakt von Frau und Mann als Gottesdienst. Und alles, was durch den Frevel des Satans in Feindschaft entbrannte, soll nun im Zeichen der Acht versöhnt werden.

Seither glauben jene Menschen von Octo, dass Leib und Seele von Mann und Frau getrennt wurden: Der Mann lebe mit Teilen der Seele und des Leibes der Frau, die Frau mit Teilen der Seele und des Körpers des Mannes. Im Streben und auf der Suche nach der ursprünglichen Harmonie sehen daher die Männer von Octo in den Frauen und Mädchen einen Teil ihrerselbst, und sie gehen hin, um  Seele und Körper Freude zu bereiten, durch Gesang, durch Zärtlichkeiten und alle schönen Spezereien, durch Streicheln, durch Liebe und die innige Vereinigung der Körper. Und jede Frau verehrt im Manne auch ihre Seele und ihren Leib. Und sie pflegt diese Seele, indem sie dem Manne Freude bereitet. Freude und Liebe gelten als Nahrung aller Seelen. "Liebe", sagte Atala, "ist meine Sehnsucht nach Deiner Fröhlichkeit - und damit nach meiner!" 

Sonntag, 28. Juli 2013

Frauenquote? Warum?




„Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe …“, das war so nicht gemeint vom Herrgott, wie es heute manchmal den Anschein hat, weiß der WORTWERFER. Im 1. Buch Mose (3:15) zürnt Gott der Schlange, die Eva dazu verführt hat, eine Frucht ausgerechnet von dem verbotenen Baum zu naschen und auch Adam davon abbeißen zu lassen. Ein bisschen Bibelkenntnis ist manchmal nicht schlecht.
Gefühlte hunderttausend Bücher sind darüber geschrieben worden, weshalb sich Frauen und Männer  n i c h t  verstehen – und kein mir bekanntes, das etwas dagegen setzt: Und sie verstehen sich doch! Warum eigentlich nicht?
Offenbar hat es der Schöpfer doch so eingerichtet – übrigens nicht nur beim homo sapiens – dass mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen ♀und sich zusammen tun müssen, um den Fortbestand der Art zu sichern. Na also – geht doch!

„Die andere Seite des Mondes!“
Dass Frauen anders denken als Männer, vielfach also eine andere Sicht der Dinge haben, ist doch p h a n t a s t i s c h. „Zeige mir die andere Seite des Mondes!“ lautet meine Bitte. So wie ich denke, das weiß ich einigermaßen, aber ich möchte wissen, wie du denkst – und beide Sichtweisen zusammenfügen, weil ich mich nur dann bereichert fühlen kann.
Als Chefredakteur in der PLUS-Redaktion (Zeitschrift für Unternehmensführung) bin ich im Hause HANDELSBLATT auf Unverständnis gestoßen, weil ich fast immer eben so viele Redakteure wie Redakteurinnen engagiert habe. Die Redakteurinnen waren unschlagbar im Interview von Managern und anderen Mannsbildern. Die haben den „kleinen Dummchen“ soviel erzählt und sich aufgeplustert, wie uns Männern das nie gelungen wäre. Die Redakteure hatten ihre spezifischen Stärken. Zusammen waren wir ein großartiges Team. Vielen Dank allen – auch heute noch! Ihr wart super!

Nicht immer einig – genau das ist so wertvoll!
Es war kein Zufall, dass wir später in der PLUS-Beratungsgruppe wieder ebenso viele Männer wie Frauen waren. Wir waren uns nicht immer auf Anhieb einig – und genau das war so wertvoll. Wir konnten und mussten unsere Sicht- und Denkungsweisen zusammenführen.
Als sich acht Freunde 1996 zum Ersten Deutschen Management-Kabarett „Chaos & Partner“ zusammen fanden, waren wir wieder vier Männer, vier Frauen. Zehn Jahre lang hatten wir großen Spaß, und haben denen, die uns engagierten haben, einiges „aufs Butterbrot geschmiert“, was die nicht immer zum Lachen fanden. Das sollten sie auch nicht. Wir haben unsere maßgeschneiderten Auftritte immer als ultimatives Führungstraining begriffen. Früchte, die vom Baum der Erkenntnis fallen, können hart aufkommen.
Für dasManuskript des Buches „Supermacht Frau / Sind die Männer noch zu retten?“ (bei SIGNUM, München) habe ich zehn Jahre allein recherchiert. Dann habe ich Ingrid Schumacher kennengelernt, und erst mit ihr zusammen wurde ein Ganzes draus. Sie meinte, ich hätte ein zu gutes Bild von den Frauen gezeichnet. Dann haben wir das nächste Buch verfasst: „Supermacht Kids / Lassen wir uns unsere Kultur kaputt machen?“. Es folgten fünf umfangreichere Krimis und 45 Kurzkrimis. Dann „das Vorlesebuch für Demenzkranke“.
Am vergangenen Montag ist Ingrid Schumacher gestorben. Ich habe eine wunderbare Frau, Mit-Autorin und Lektorin verloren. Sie wird mir nie mehr die andere Seite des Mondes zeigen können. Und der WORTWERFER wird kein neues Buch schreiben. Ich werde die zahlreichen gemeinsam begonnenen Projekte vollenden. In stiller Zwiesprache mit Ingrid.